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Michael Harms: Gründung des Deutsch-Aserbaidschanischen Wirtschaftsrats ist ein wichtiger Schritt, um die Wirtschaftsbeziehungen auf eine strategischere Ebene zu heben – INTERVIEW

Aserbaidschan wird zunehmend als ein wirtschaftlicher Partner mit vielfältigen Entwicklungsperspektiven wahrgenommen

Berlin, 24. Juli, AZERTAC
Michael Harms, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses, gab AZERTAC ein Interview.
Im Rahmen des Deutschland-Besuchs von Präsident Ilham Aliyev wurde die Gründung des Deutsch-Aserbaidschanischen Wirtschaftsrats vereinbart. Wie wird diese neue Plattform Ihrer Meinung nach die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern praktisch verändern? Welche neuen Chancen eröffnet sie für deutsche Unternehmen?
- Die Gründung des Deutsch-Aserbaidschanischen Wirtschaftsrats ist aus unserer Sicht ein wichtiger Schritt, um die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern auf eine neue, strategischere Ebene zu heben. Besonders wertvoll ist, dass es jetzt eine feste Dialogplattform für bilaterale Treffen von Unternehmen, Verbänden und politischen Vertretern gibt.
Für deutsche Unternehmen eröffnet dies die Möglichkeit, Projekte frühzeitig zu identifizieren, regulatorische Fragen direkter anzusprechen und neue Kooperationsfelder systematisch zu erschließen. Der Wirtschaftsrat kann dazu beitragen, Investitionshemmnisse abzubauen, den Informationsaustausch zu verbessern und die Vernetzung von Unternehmen beider Länder zu fördern. Gerade in Bereichen wie Energie, Infrastruktur, Logistik, Digitalisierung und Industrie bieten sich dadurch zusätzliche Chancen für deutsche Technologie- und Lösungsanbieter.
Sie treffen Präsident Ilham Aliyev seit vielen Jahren auf verschiedenen Plattformen. Welche neuen Aspekte sind Ihnen bei diesem Treffen im Vergleich zu den vergangenen Jahren besonders aufgefallen? Beobachten Sie einen qualitativen Wandel in der Wahrnehmung Aserbaidschans durch die deutsche Wirtschaft?
-Ich habe Präsident Aliyev über viele Jahre hinweg in unterschiedlichen Formaten erlebt. Bei unseren letzten Gesprächen in Baku und Berlin lag neben dem traditionellen Energiesektor ein starker Fokus auf wirtschaftlicher Diversifizierung und der Entwicklung neuer Zukunftssektoren für die aserbaidschanische Wirtschaft.
Ein wichtiger Impuls ist für uns das Friedensabkommen zwischen Aserbaidschan und Armenien, das der ganzen Region eine neue Stabilität bringt und den grenzüberschreitenden Handel erleichtert. Seit dem Abkommen habe ich den Eindruck, dass sich das Interesse deutscher Unternehmen an Aserbaidschan verstärkt und thematisch ausweitet. Während früher vor allem die Energiekooperation im Vordergrund stand, werden inzwischen auch Themen wie Konnektivität, Transportkorridore, Industrieentwicklung, Landwirtschaft, erneuerbare Energien, Digitalisierung und regionale Vernetzung intensiv diskutiert.
In diesem Sinne lässt sich durchaus von einem qualitativen Wandel sprechen: Aserbaidschan wird zunehmend als ein wirtschaftlicher Partner mit vielfältigen Entwicklungsperspektiven wahrgenommen.
Aserbaidschan entwickelt sich in den letzten Jahren nicht nur zu einem wichtigen Partner für die Energiesicherheit Europas, sondern auch zu einem zentralen Knotenpunkt des Mittleren Korridors zwischen Europa und Zentralasien. Wird Aserbaidschan aus Sicht der deutschen Wirtschaft inzwischen nicht mehr nur als Energiepartner, sondern auch als wichtiger Bestandteil neuer eurasischer Lieferketten gesehen?
- Ja, diese Entwicklung ist aus Sicht vieler deutscher Unternehmen klar erkennbar. Der Mittlere Korridor hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen, da Unternehmen ihre Lieferketten diversifizieren und dadurch krisensicherer gestalten möchten.
Aserbaidschan nimmt dabei aufgrund seiner geografischen Lage eine Schlüsselrolle ein. Das Land ist eine Drehscheibe zwischen Europa, Zentralasien und China. Die großen Investitionen in Häfen, Eisenbahnverbindungen, Logistikzentren und digitale Infrastruktur stärken diese Position.
Aus deutscher Sicht wird Aserbaidschan daher zunehmend nicht nur als wichtiger Energiepartner, sondern auch als logistischer Knotenpunkt betrachtet. Besonders für exportorientierte Unternehmen können effizientere Transportverbindungen zwischen Europa und Asien in Zukunft erheblichen wirtschaftlichen Mehrwert schaffen.
Die Strategische Agenda legt einen besonderen Schwerpunkt auf grüne Energie, Wasserstoff, Logistik, Landwirtschaft und die digitale Wirtschaft. In welchen Bereichen sehen Sie in den kommenden Jahren das größte Investitionspotenzial für deutsche Unternehmen in Aserbaidschan?
-Die strategische Agenda zwischen Deutschland und Aserbaidschan deckt zahlreiche Zukunftsfelder ab. Besonders viel Potenzial sehe ich in fünf Bereichen:
1. Energieversorgung und Erneuerbare Energien. Deutsche Unternehmen verfügen über umfangreiche Kompetenzen bei der Entwicklung von Wind- und Solarenergieprojekten sowie bei Technologien für die Wasserstoffwirtschaft.
2. Logistik und Verkehrsinfrastruktur. Die weitere Entwicklung des Mittleren Korridors schafft Bedarf an modernen Logistiklösungen, Digitalisierung von Transportprozessen und effizienter Infrastruktur.
3. Industrie und Fertigung. Mit dem Ziel der wirtschaftlichen Diversifizierung ergeben sich Chancen für deutsche Maschinenbauer, Industrieausrüster und Anbieter von Automatisierungstechnologien.
4. Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung. Deutsche Technologien können einen Beitrag zur Steigerung von Produktivität, Nachhaltigkeit und Effizienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette leisten.
5. Digitalisierung und intelligente Infrastruktur. Von E-Government-Lösungen über Smart Cities bis hin zur Cybersicherheit gibt es zahlreiche Bereiche, in denen deutsche Unternehmen ihre Expertise einbringen können.
Insgesamt sehe ich gute Voraussetzungen für eine Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Entscheidend wird sein, die bestehenden politischen Vereinbarungen nun in konkrete Projekte und langfristige Partnerschaften zwischen Unternehmen beider Länder zu überführen.

Elvin Mövsüm
AZERTAC-Sonderkorrespondent
Berlin

Wirtschaft 2026-07-24 19:35:00