


Mirco Nowak: Aufnahme des Mittleren Korridors in gemeinsame strategische Agenda ist ein wichtiger Wendepunkt
Berlin, 23. Juli, AZERTAC
Mirco Nowak, Geschäftsführer der LUNO-Gruppe und Vorsitzender der Regionalgruppe Eurasien der Bundesvereinigung Logistik (BVL) CEO- LUNO-Gruppe gab AZERTAC ein Interview.
Welche Bedeutung hat es aus Ihrer Sicht, dass der Mittlere Korridor erstmals in einem so hochrangigen bilateralen Dokument verankert wurde? Ist das ein Zeichen für das wachsende strategische Interesse Deutschlands an dieser Route?
-Aus meiner Sicht ist das ein wichtiger Meilenstein und eine großartige Initiative von Präsident Aliyev, die Kooperation mit Deutschland nachhaltig zu stärken. Die Aufnahme des Mittleren Korridors in eine gemeinsame strategische Agenda zwischen Deutschland und Aserbaidschan zeigt, dass dieses Thema die Ebene einzelner Wirtschaftsprojekte verlassen hat und inzwischen als geopolitisch und wirtschaftlich relevantes Zukunftsfeld wahrgenommen wird. Deutschland ist als Exportnation in hohem Maße auf stabile, diversifizierte und resiliente Lieferketten angewiesen. Die vergangenen Jahre haben deutlich gemacht, wie verwundbar globale Transportnetzwerke sein können. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Mittlere Korridor als zusätzliche Verbindung zwischen Europa, dem Südkaukasus und Zentralasien bis nach China erheblich an Bedeutung. Ich sehe darin ein klares Signal, dass Deutschland seine wirtschaftlichen Beziehungen zu den Ländern entlang dieser Route langfristig ausbauen möchte. Besonders positiv ist, dass dabei nicht nur über Infrastruktur gesprochen wird, sondern über Konnektivität im umfassenden Sinne – also über die Verknüpfung von Verkehr, Digitalisierung, Zollprozessen, Investitionen und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Für Unternehmen schafft eine solche politische Verankerung mehr Planungssicherheit und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass künftig weitere Investitionen und Kooperationsprojekte folgen werden.
Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Entwicklungen die Bedeutung des Mittleren Korridors für die deutsche Logistikbranche? Kann diese Route in den kommenden Jahren zu einem zentralen Bestandteil der europäischen Lieferketten werden?
-Der Mittlere Korridor entwickelt sich zunehmend von einer alternativen zu einer strategisch notwendigen Handelsroute. Die Einschränkungen der Nordroute über Russland sowie die Unsicherheiten im Nahen Osten haben gezeigt, dass Europa seine Transportkorridore breiter aufstellen muss. Unternehmen möchten heute nicht mehr von einer einzigen Route abhängig sein, sondern ihre Lieferketten resilient gestalten. Der Mittlere Korridor verbindet Europa über den Südkaukasus mit Zentralasien. Damit eröffnet er Zugang zu einer wirtschaftlich dynamischen Region mit erheblichen Rohstoff-, Industrie- und Absatzpotenzialen. Für die deutsche Logistikbranche bedeutet dies weit mehr als zusätzliche Transportkapazitäten. Es entstehen neue multimodale Netzwerke, neue Logistikzentren und neue Kooperationsmöglichkeiten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Ob der Korridor tatsächlich zu einem zentralen Bestandteil europäischer Lieferketten wird, hängt allerdings davon ab, wie konsequent die Infrastruktur weiter ausgebaut und die administrativen Prozesse harmonisiert werden. Themen wie Digitalisierung, einheitliche Zollverfahren, Grenzabfertigung und Fahrplanstabilität sind dabei ebenso wichtig wie Investitionen in Schienen-, Hafen- und Terminalkapazitäten. Ich bin überzeugt, dass der Mittlere Korridor in den kommenden Jahren einen festen Platz im europäischen Logistiknetzwerk einnehmen wird – nicht als Ersatz anderer Routen, sondern als unverzichtbare Ergänzung für widerstandsfähige Lieferketten.
Welche konkreten Chancen eröffnet diese Entwicklung für deutsche Logistik- und Industrieunternehmen? In welchen Bereichen sehen Sie das größte Potenzial für eine vertiefte Zusammenarbeit?
-Aserbaidschan hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Logistik-Hub zwischen Europa und Zentralasien und im Transithandel mit China entwickelt. Investitionen in den Hafen von Baku, den Ausbau der Eisenbahnverbindungen sowie moderne Logistik- und Freihandelszonen schaffen attraktive Rahmenbedingungen für internationale Unternehmen. Für deutsche Logistikunternehmen eröffnen sich Chancen beim Aufbau multimodaler Transportlösungen, bei Kontraktlogistik, Lager- und Distributionskonzepten sowie bei digitalen Supply-Chain-Lösungen. Besonders großes Potenzial sehe ich in einer engeren Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Politik und Logistikverbänden. Infrastruktur allein reicht nicht aus – entscheidend sind belastbare Partnerschaften, gemeinsame Standards und der kontinuierliche Austausch zwischen allen Beteiligten. Genau hier können Netzwerke wie die BVL Bundesvereinigung Logistik mit seinem Chapter Eurasia, welches ich leite, einen wichtigen Beitrag leisten. Sie bringen Unternehmen, Institutionen und Entscheidungsträger entlang des gesamten Korridors zusammen und fördern den Wissenstransfer sowie konkrete Kooperationsprojekte. Veranstaltungen wie der Ambassador´s Talk zum Middle Corridor auf der BVL Supply Chain CX im Oktober 2025 mit Teilnahme zahlreicher Botschafter der Anrainerländer, darunter auch der Botschafter der Republik Aserbaidschan in Deutschland, S.E. Nasimi Aghayev, und das Kasachisch-Deutsche Transport- und Logistikforum im Mai 2025 in Almaty, beide vom BVL Chapter Eurasia organisiert, schaffen einen regelmäßigen Austausch, verbinden Entscheider und bewerben aktiv die Entwicklung der Route. Denn letztlich wird der Erfolg des Mittleren Korridors nicht nur auf Straßen und Schienen entschieden, sondern vor allem durch die Qualität der internationalen Zusammenarbeit.
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